Predigt: Kranke Natur, kranker Mensch. Überlegungen zur Umweltgerechtigkeit.

Predigt am 2. Juni 2019 (Exaudi. Höre!) im Rahmen des Hochschulgottesdienstes Potsdam

Predigttext: Epheser 4, 17-24

Hauptmotiv: Der Nutzen aus der Natur und die Last der Naturzerstörung sind ungleich verteilt – zwischen sozialen Gruppen, Ländern und Weltregionen.  Wir müssen lernen, mit unserem individuellen Scheitern umzugehen und uns weiter um Nachhaltigkeit bemühen. Vor allem aber müssen wir die politischen Rahmenbedingungen ändern, um umwelt-gerechtes Handeln für uns und alle leichter zu machen.

Liebe Gemeinde, liebe Gäste,

zuerst einen Dank an Annette Edenhofer für theologische Begleitung der Vorbereitung!

Auf einer internationalen Konferenz über Bürgerwissenschaften gab es eine öffentliche Abendveranstaltung zum Thema Umweltgerechtigkeit. Eine Frau namens Viola Waghiyi, die zu den Yupik Eskimos gehört, die im arktischen Grenzgebiet zwischen Alaska und Sibirien wohnen, berichtete von einer starken Häufung von Krebsfällen. Krebs war traditionell sehr selten bei Eskimos und trat erst durch eine veränderte moderne Lebensweise öfter auf. Aber diese Häufung von Krebsfällen in Viola Waghiyis Dorfgemeinschaft überstieg bald jedes Maß. Sie berichtete: „Wir leben in der Antarktis, in einer Gegend fern von allem, aber alle meine Brüder haben Krebs, meine Eltern, und viele Mitbewohner“. Die Dorfgemeinschaft fand dann selbst mit wissenschaftlichen Methoden heraus, dass der Grund für diese starke Häufung an Krebskrankheiten Chemikalien, Phenole, waren.

Chemische Gifte in einer derart abgelegenen Gegend? Tatsächlich berichtete der Spiegel schon 1999 über diese Umweltgifte. Dort stand: „Untersuchungen zufolge leiden Menschen […] [dort in der Arktis] unter einer so hohen Schadstoffbelastung, dass sie nur noch von Opfern größerer Chemieunglücke übertroffen werden.“ „Die am stärksten verseuchten Menschen der Erde“, sagte Greenpeace-Chemiefachmann Manfred Krautter dazu, „sind ausgerechnet diejenigen, die kaum Vorteile von der Zivilisation haben.“

Aber auch bei uns in Deutschland kennt man dieses Phänomen einer ungerechten Verteilung zwischen Nutzen und Lasten von Naturverbrauch. Arme Menschen wohnen beispielsweise eher an Straßen, die stark mit Feinstaub und Stickoxiden sowie Lärm belastet sind, welche Risikofaktoren für Asthma oder Herzinfarkt  darstellen. Statistiken zeigen, dass in Deutschland arme Menschen viel stärker von schweren Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes betroffen sind.  Die Lebenserwartung steigt mit dem Einkommen. Aber ärmere Menschen nehmen weniger Natur in Anspruch als besser situierte. Auch dafür gibt es ein Maß, den ökologischen Fußabdruck. Der ökologische Fußabdruck von armen Menschen ist deutlich geringer als der von der gebildeten akademischen Mittelschicht.

International ist der Zusammenhang noch drastischer: Der Lebensstil unserer westlichen Welt, der mit einem hohen Fleischkonsum und dem entsprechend Anbau von Soja sowie mit hohen Ansprüchen an Mobilität und den entsprechenden Treibhausgasen verbunden ist, geht zu Kosten der armen Länder: Für Soja und Palmöl wird der Regenwald in Indonesien, im Kongobecken oder dem Amazonas abgeholzt und lokalen Gemeinschaften die Lebensgrundlage entzogen. Der Pestizideinsatz in den großen Bananenmonokulturen in Costa Rica, Ecuador oder Kolumbien erhöht das Krebsrisiko für die Arbeiterinnen und Arbeiter. Plastikmüll findet sich in Nahrungsketten der Ozeane und bedroht zunehmend die Existenz vieler Meerestiere – und der Fischer beispielsweise in Westafrika.

Wir lagern unsere Umweltkosten in den Globalen Süden aus.

Der Predigttext sagt: Sie sind verfinstert in ihrem Sinn. Sie sind dem Leben Gottes entfremdet durch die Unwissenheit, in der sie befangen sind, durch die Verhärtung ihres Herzens.

Wer ist „sie“?

Sie? Ihr? Wir?

Der Predigttext spricht von Entfremdung. Dem Leben Gottes entfremdet sein. Wir sind dem Leben entfremdet, wir abstrahieren, lesen Zeitungen und Statistiken und vermeiden es möglichst, uns von den Nachrichten persönlich berühren zu lassen. Wir verhärten unsere Herzen. Aus Bequemlichkeit? Aus Selbstschutz? Weil wir überfordert sind und wissen, dass wir nicht in jeder Hinsicht genügen können? Bei der CO2 Bilanz, bei fairen Kriterien für Bananen, Sportschuhen und Hosen für die Kinder, bei der Wahl des Stromanbieters, bei dem Bedürfnis, die in der Welt verstreuten Freunde und Familienmitglieder zu besuchen, bei der Wahl der Bank, des Handys, des Berufs?

Dem Leben Gottes entfremdet sein. Die Entfremdung von dem Leben, von der Schöpfung, von der Natur führt auch zu einer Geringschätzung von Natur. Natur ist nichts wert. Natur ist da und wird verbraucht. Wenn wir Geld als einen Indikator für Wertschätzung nehmen, wird das sehr deutlich. Wofür geben wir Geld aus? Für’s Wohnen, für’s Auto, für Reisen, für Kultur. Der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel wurde über die Jahrzehnte immer geringer. Wir geben vergleichsweise wenig Geld aus, um fair und ökologisch produzierte Nahrungsmittel zu kaufen.

Die wissenschaftlichen Berichte zum Zustand der Natur sagen uns nun aber, dass in Deutschland kaum eine Gruppe so stark dezimiert worden ist, wie die Vögel der Agrarlandschaft, also Feldvögel wie Kiebitz, Rebhuhn und Feldlerche. Und auch das Insektensterben ist zu einem feststehenden Begriff geworden. Ein kleiner Hoffnungsschimmer sind da die Bürgerbegehren für Insektenschutz und eine nachhaltige Landschaft oder die gerade sich formierende „Extinction Rebellion“, eine auf zivilen Widerstand setzende Gruppe vor allem junger Aktivistinnen und Aktivisten gegen Artensterben.

Das erfolgreiche „Volksbegehren Artenvielfalt“ in Bayern beispielsweise basiert auf einem breiten Bündnis von aktiven Bürgern, Wissenschaftlerinnen, Imkern, Ökoläden, Unternehmen und verantwortungsbewussten landwirtschaftlichen Betrieben.

Der Predigttext sagt weiter: In ihrer Haltlosigkeit gaben sie sich der Ausschweifung hin, um jede Art von Unreinheit in Habgier zu vollführen.

Für 2050 werden mit ungefährt 10 Millarden Menschen auf der Erde gerechnet. Wir Menschen sind die Art, die den Planeten am stärksten prägt und überformt. Ganze 75% der eisfreien Fläche wurden durch den Menschen verändert. Als Menschen nutzen wir jährlich über 20% der gesamten Biomasse. Also von allem, was auf diesem Planeten in einem Jahr wächst, nutzen wir über 20%  als Nahrungsmittel, Tierfutter, Bauholz oder Bioenergie.

Und wir nutzen Biomasse aus vergangen Zeitaltern, so viel Kohle und Erdöl, dass sich das Klima verändert und die Wissenschaft von einem menschengemachten geologischen Zeitalter spricht, vom Anthropozän.

Weiter steht im Brief an die Epheser: lasst Euch erneuern durch den Geist in Eurem Denken!

Denken kann nicht schaden. Und tatsächlich denken wir ja schon lange und ununterbrochen über die Frage nach: Warum tun wir nicht das, von dem wir wissen, dass es das richtige ist? Aus Unwissen? Oder doch eher aus Bequemlichkeit?

In seiner schwierigsten Nacht, in seiner einsamsten Nacht, bat Jesus seine Jünger„Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“

Bekanntermaßen sind die Jünger wieder eingeschlafen. Und Jesus hat sie trotzdem geliebt, er hat sich ihnen gezeigt und sie in ihrem Auftrag ermutigt.

Damit es uns gelingt, wach zu bleiben, mit Gott und der Welt verbunden zu bleiben, gerecht zu werden, gibt es Unterstützung. In den Gemeinden gibt es Gemeinschaften gleichgesinnter Menschen, aber auch in Vereinen und Initiativen.

Wir können es uns einfacher machen, bequemer gewissermaßen, gut und richtig zu handeln, wenn wir die politischen Rahmenbedingungen ändern. Die Regierungen dieser Erde selbst haben den Auftrag an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, an den Weltbiodiversitätsrat, an IPBES – an die Intergovernmental science-policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, wie er mit vollem Namen heißt, gestellt, den Zustand der Natur und die Bedeutung für die Menschen zu beschreiben. Dafür wurden keine neuen Studien durchgeführt, sondern das Wissen der Wissenschaft, aber auch das Wissen von Praktikern und Indigenen wurde zusammengeführt.

Es kam also für uns Wissenschaftlerinnen eigentlich nichts Neues heraus. Ähnliche Berichte gab es schon mehrere. Aber der Grund, warum dieser Bericht, als Bericht zum Artensterben, diesmal durch die Medien ging, durch alle Zeitungen und die Tageschau und auch Sie alle von ihm gehört haben und er auch prominent im Bundestag besprochen wurde, war nicht nur der erschreckende Zustand von vielen Arten und Ökosystemen, nicht nur, dass deutlicher als je zuvor gemacht wurde, dass Menschen von Naturzerstörung unmittelbar betroffen sind. Der Bericht war vor allem deshalb so intensiv in der Öffentlichkeit, weil dieser Bericht verbindlicher als anderen Berichte zum Zustand der Natur zuvor ist  – weil ihn nämlich die Regierungen der ganzen Welt selbst in Auftrag gegeben haben.

Die erste Botschaft, message, des Berichtes lautet, dass Natur wichtig für das Wohlergehen von Menschen weltweit ist, und sich ihr Zustand gemessen an biologischer Vielfalt, also an der Anzahl und Häufigkeit von Arten, an der Leistungsfähigkeit von Ökosystemen, verschlechtert. Gleich die die zweite Botschaft, also ganz herausgehoben, bezieht sich auf Gerechtigkeitsfragen.  Im Bericht des globalen Biodiversitätsrats steht ganz deutlich, dass der Nutzen von Natur und die Last der Naturzerstörung ungleich verteilt sind. Zwischen sozialen Gruppen, zwischen Ländern und Weltregionen.

Das ist aber zugleich auch eine gute Nachricht: Denn – Umweltgerechtigkeit lässt sich politisch beeinflussen. Entsprechend weist der Bericht des Globalen Biodiversitätsrates nicht nur auf Probleme hin, er bietet auch Ansatzpunkte für Lösungen. Beispielsweise steht in diesem von den Regierungen der Welt beauftragten Bericht, dass keine umweltschädlichen Subventionen gezahlt werden sollten. Wer hat da nicht die – von Deutschland stark dominierte – europäische Agrarpolitik vor Augen, die die Landwirte quasi zwingt, wenn sie nicht schon aufgegeben haben, auf riesigen Schlägen Monokulturen anzubauen, die einen hohen Pestizideinsatz erfordern? Alternativ ließen sich beispielsweise Strukturen fördern, die umweltgerechtes und faires land-wirtschaften belohnen.

Bereits in der Bibel gibt es eine Reihe von Verweisen auf den Umgang mit Land. Auf Bedeutung der richtigen Bewirtschaftung für das Wohlergehen von Menschen. Im konkreten und übertragenen Sinn. Als Mensch, als Christin, ist mir Natur anvertraut. Zu schützen und zu nutzen. Ein tatsächlich intrinsischer Konflikt, der sich als solcher auch im Abkommen zur Biologischen Vielfalt, der Convention of Biological Diversity, als eines der Rio Abkommen widerspiegelt.

Der Konflikt zwischen Schutz und Nutzen lässt sich entschärfen, wenn Lebensmittel naturverträglicher produziert werden und die Agrarpolitik grüner wird, Naturverbrauch teurer und wohnen in der Stadt gerechter und gesünder, mit mehr Platz für Kinder, gute Luft auch für arme Menschen,  und weniger Platz für SUVs und überhaupt private Autos.

Die zentrale Botschaft des Predigttextes ist:  Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit!

Zieht den neuen Menschen an. Wir schlüpfen mal kurz aus unserem Korsett der Ansprüche an uns, aus dem Korsett unserer Konsumwünsche und unserer Bequemlichkeit. Wir machen uns auf den Weg, immer wieder. Und wieder und wieder. Nicht nur musste bereits der Briefeschreiber die Epheser ermahnen, neue Menschen zu werden, wir haben es schon so oft gehört. In meiner Jugend hieß das gemeinsame Ringen um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung konziliarer Prozess. 1992 war dann die große globale Umweltkonferenz in Rio de Janeiro, wo die wichtigen globalen Umweltabkommen zur biologischen Vielfalt, zum Klimawandel und Bekämpfung der Verwüstung von Böden verabschiedet wurden.

Begleitend dazu starten in vielen Ländern und auch in Deutschland Agendaprozesse, auch unter Beteiligung der Kirchen. Aktuell sind es die globalen Nachhaltigkeitsziele, die SDGs, Sustainable Development Goals, die das globale politische Rahmenwerk darstellen. Die Globalen Nachhaltigkeitsziele bemühen sich nicht nur, soziale und ökologische Gerechtigkeit zu verbinden,  sie adressieren im Gegensatz zu vielen Agenden der nachhaltigen Entwicklung nicht nur die sogenannten Entwicklungsländer, sondern beziehen auch die Industrieländer in den Transformationsprozess mit ein.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass uns das Ringen um den Umgang mit Natur auch in Zukunft begleiten wird, auch wenn die Konzepte alle paar Jahrzehnte ihre Namen ändern. Dennoch ist es wichtig, dass wir weiter und unermüdlich um Umweltgerechtigkeit ringen.

Es ist also nicht sinnvoll, aufzugeben, weil wir – wahrscheinlich täglich – an den widerstreitenden Ansprüchen scheitern.  Wir bleiben empfindsam. Wir lassen die Welt an uns herankommen. Ganz nah. Wir fühlen mit der Natur, wir solidarisieren uns mit den Armen, wir lassen uns ein auf den Gedanken von Gerechtigkeit. Auf den Gedanken von wahren Preisen. Wir lassen den Gedanken zu, dass es nicht gerecht ist, wenn wir im Supermarkt ein Kilo Hackfleisch für 3 Euro 69 kaufen können und dafür die Landlosen in Brasilien von ihren Feldern vertrieben werden, die indigenen Stämme ihr Land verlieren. Wir ziehen dafür den neuen Menschen an – wir bemühen uns selbst in unserem individuellen Verhalten, und wir arbeiten an den politischen Rahmenbedingungen, die es uns und anderen erleichtern, umwelt-gerecht zu leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN

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