Menschen wissen, dass sie sterben werden. Daher erhalten Kunstmuseen mehr Geld als Naturkundemuseen

Warum erhalten Kunstmuseen auf der ganzen Welt mehr Geld und Aufmerksamkeit als Naturkundemuseen?

Dafür werden unterschiedliche Gründe diskutiert: Kunst ist mehr für Erwachsene, während Naturkundemuseen eher von Kindern besucht werden und entsprechend vor allem Bildungseinrichtungen sind. Oder, kaum einer traut sich, Kunst zu bewerten. Möglicherweise werden die genialen Gedanken nicht erkannt. Nicht gut, dies zuzugeben.

Der Hauptgrund ist meines Erachtens aber, dass Kunstmuseen über das eigene Leben hinausweisen, eine metaphysische Komponente besitzen und sich stärker Sinnfragen widmen als Naturkundemuseen, die naturwissenschaftliche Phänomene beschreiben und erklären.

Auf den Gedanken hat mich das Buch einer US-amerikanischen Autorengruppe gebracht, Psychologen, die das Buch „Der Wurm in unserem Herzen – Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst“ geschrieben haben. Dort entwickeln sie ihre Theorie zum Umgang mit dem Wissen um den Tod („Terror-Management-Theorie“) und beschreiben psychologische Experimente zur Unterstützung ihrer Theorie. Spannend ist der globale historische Abriss: Alle menschlichen Kulturen haben Rituale entwickelt, um ihren Selbstwert zu erhöhen und über kulturelle Normen Werte zu schaffen. Ein prägnantes Beispiel ist der Umgang mit der Fortpflanzung. Alle Lebewesen, Hund, Katze, Maus, paaren sich ohne Scham. In allen menschlichen Kulturen hingegen gibt es Tabus und spezielle Regeln im Umgang zwischen Männern und Frauen, seien es besondere einschränkende Vorschriften oder romantische Liebesgedichte.

Darüber hinaus beschreiben die Autoren kulturelle Leistungen, die über den einzelnen (Mann) hinausreichen und ihn damit unsterblich machen. Tatsächlich erläutern die Autoren nur Beispiele von Männern; ob Männer, weil sie selber keine Kinder bekommen können, eine größere Kompensationsleistung zu erbringen suchen oder ob die Männer-Autorengruppe einen eingeschränkten Blick hat, muss an anderer Stelle verfolgt werden. Tatsächlich erwähnen die Autoren die prosperierenden matriarchalen Volksgruppen am Amazonas, die dann allerdings die europäische Kolonialherrschaft nicht überstanden. Als Beispiele für die Bemühungen um Unsterblichkeit werden die Gräber in China, die Pyramiden in Ägypten oder die Aufmerksamkeit für Prominente genannt. Ein besonderes Augenmerk lag auf dem Nationalismus unter Hitler als „charismatischem Führer“ (S. 172): Ihm gelang, die Anbetung einer höheren Macht von Gott auf Deutschland zu projizieren. Er wurde damit „zum Propheten der symbolischen Unsterblichkeit für eine ganze Nation“ (S. 175).

Nicht nur die symbolische, sondern die faktische Unsterblichkeit werde zum Ziel menschlicher Bemühungen, legte auch Yuval Noah Harari in Homo Deus dar. Nachdem Kriege, Krankheiten und Hunger überwiegend überwunden seien, arbeite der Mensch an seiner – physiologischen- Unsterblichkeit. Allerdings, konstatierte der Autor, wären diese Menschen die ängstlichsten Wesen, die denkbar seien – denn während wir alle wissen, dass wir irgendwann sterben und uns entsprechend auf Abenteuer einlassen, würden diese Wesen die Ewigkeit verlieren.

Der tieferliegende, psychologische Grund, warum Kunstmuseen also mehr Mittel erhalten als Naturkundemuseen liegt in der Zeitlosigkeit künstlerischer Exponate, die über das eigene Leben hinausweisen. Insbesondere moderne Kunst ist nicht immer verständlich, sie verwendet (religiöse) Symbole, die sehr weit entfernt sind von der konkreten Körperlichkeit naturkundlicher Museen. Hier erfahren wir, dass die biologischen Mechanismen von Bakterien, Affen und Menschen sehr ähnlich sind. Variation in Schnecken unterliegt Mechanismen der sexuellen Reproduktion ebenso wie der Mensch. Krass ist tatsächlich, dass der Abwehrmechanismus von Bakterien gegen Viren im sogenannten CRIRPS/Cas9 System genutzt werden kann, um – wie angeblich in China geschehen – Babys immun gegen Aids zu machen – oder unsere Lebensmittel, die wir im Supermarkt finden, gentechnisch zu optimieren.

Unser Selbstwertgefühl stärken wir eher im Kunstmuseum. Kunst, als eine materialisierte Abstraktion des Lebendigen, des Denkens, erhebt uns aus den Niederungen profaner biologischer Tätigkeiten. Die Befassung mit dem Ewigen, mit den offenen Fragen, mit Beziehungen zwischen Menschen oder zwischen Menschen und Ideen gibt uns ein Gefühl der Erhabenheit und der Freiheit. Ich denke also nicht, dass es ein Zufall ist, dass sich beispielsweise Hasso Plattner in Potsdam für ein Kunstmuseum, das Barberini, nicht nur finanziell stark engagiert und eine Reihe extrem gut besuchter Ausstellungen lief, während das Naturkundemuseum in Potsdam in städtischer Trägerschaft sein Potential nicht ausschöpfen kann – und beispielsweise nur über eine rudimentäre Webseite verfügt. Rein psychologisch betrachtet – Verdrängungs- bzw. Selbstwerterhebungstherapie als Teil des „Terror-Mamagements“ auch der Potsdamer Stadtgesellschaft.

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